Was ist los im Busbetrieb der Stadt Luxemburg?
Was ist los im Busbetrieb der Stadt Luxemburg?
Busfahrer fahren Bus – das ist ihr Job. Auch wenn diese Feststellung banal und einleuchtend scheint, so hat sie doch im Alltag weitreichende Konsequenzen: Anders als bei der Arbeit im Büro können Busfahrer nicht kurz nebenan etwas nachfragen oder sich mit Kollegen austauschen. Sie haben auch nicht die Möglichkeit bei Bedarf zur Toilette oder an die frische Luft zu gehen. Busfahrer drehen ihre Runden; alle Belastungen im Berufsalltag müssen sie alleine bewältigen. Wenn eine für sie wichtige Angelegenheit auftaucht, können sie diese nicht gleich klären, da sie ihren Funk nicht benutzen können wie andere das Telefon. Nur in den Pausen können sie sich kurzzeitig von der stundenlangen Anspannung des Alltagsverkehrs erholen. Um die Toilette aufzusuchen, müssen sie dich bis zur Endhaltstelle gedulden. Wenn dann aber an der Endhaltstelle überhaupt keine Toilette vorhanden oder zugänglich ist, wenn sie immer wieder zu hören bekommen, dass ihre Pausen zu lang seien und sie zu viel untereinander quatschen würden, wenn ihre Anfragen und Anliegen auf taube Ohren stoßen, dann wird ihr Berufsalltag unerträglich.
Im Busbetrieb der Stadt Luxemburg hat das Unverständnis für die Belange der Busfahrer ein unerträgliches Ausmaß angenommen: Jahrelang wurden ihre Sorgen nicht ernst genommen. Fehlende Toiletten, mangelhaftes Material, Probleme auf der Strecke – diese Missstände wurden bestenfalls registriert und dann als unwichtig abgetan; Antworten gab es meist nur wenn die Personalvertreter unnachgiebig sich für die Busfahrer einsetzten. Während Hunderte von Anfragen – kleine und große Probleme – sich häuften, blieben die Fahrer sich selbst überlassen.
Erste Schritte in die richtige Richtung
Vor zwei Jahren kam dann die Einsicht, dass es so nicht weiter gehen könne: Der Betrieb müsse so ausgerüstet werden, dass er sich seinen Aufgaben – auch den Anfragen und Anliegen der Fahrer – in angemessenen Umfang widmen könne. Der Busbetrieb der Stadt Luxemburg sollte „reorganisiert“ werden. Eine Beraterfirma wurde beauftragt, eine Diagnose des „kranken“ Betriebes sowie einen Aktionsplan zur Optimierung zu erstellen. Die Diagnose deckte schnell die Hauptprobleme auf: Fehlende Planung, mangelhafte Auseinandersetzung mit den Belangen der Fahrer, schlechte Organisation. Dies sollte sich nun ändern: Zehn Arbeitsgruppen sollten, unterstützt von der Mitarbeit des Personals und der Personalvertreter, sowie dem Aktionsplan „ProBus“ die notwendigen Verbesserungen einleiten.
Zusammen mit der Beraterfirma und der Betriebsführung wollten Personal und Personalvertreter gemeinsame Ziele erreichen: Arbeitsbedingungen die nicht krank machen, ordentliche Kommunikation, angepasstes Material und adäquate Infrastrukturen, optimale mittel- und längerfristige Bedarfsplanung, bessere Betriebsorganisation, positive Motivation des Personals. Außerdem einigte man sich darauf, zusätzliche Punkte in die Studie und die Reorganisierung aufzunehmen: Analyse der Ursachen dauerhafter Krankheit, sowie der Abwesenheitsursachen durch vorrübergehende Krankheit, Stressanalyse der Fahrer, Aufgabenaufteilung der Kontrolleure.
Die Gemeindeverantwortlichen – Betriebsleitung und Schöffenrat – beschlossen ihrerseits, dass die Reorganisierung sich zusätzlich mit weiteren Aspekten befassen sollte. So sollte der Arbeitsplan (Schichtplan) in Frage gestellt werden, die Arbeitsparameter der Diensttouren neu gestaltet und ein Betriebsleitsystem eingeführt werden. Außerdem sollten die Auswirkungen des Betriebsleitsystems auf die Fahrer analysiert und weitere Themen unter die Lupe genommen werden, darunter die Prämien der Busfahrer und die Organisierung der Unterhaltsarbeiten.
Durchwachsene Bilanz nach intensiver Arbeit
Die stattgefundene Reorganisierung brachte zwar einige Verbesserungen, aber auch handfeste Verschlechterungen. Vor allem aber birgt sie die Gefahr, dass dadurch weitere Verschlechterungen erst ermöglicht werden.
Nach 18-monatiger Arbeit und weit mehr als hundert Sitzungen wurden verschiedene Maßnahmen getroffen, die grundsätzlich als positiv gewertet werden können. Das neue Organigramm mit ausführlichen Funktionsbeschreibungen bringt Klarheit in viele Kompetenzbereiche. Die Bedarfsplanung wurde mittel- und längerfristig verbessert, und auch das Einstellen neuer Fahrer wirkt sich positiv aus. Eine Rahmenanalyse über Gesundheit und Stress zeigt, dass die Betriebsleitung die Anliegen des Personals ernst nehmen muss. Anfragen des Personals sollen nach einer speziell erstellten Prozedur angemessen beantwortet werden. Das neue Betriebsleitsystem soll nicht nur Vorteile für die Kunden, sondern auch für die Fahrer mit sich bringen. Außerdem soll die Versetzung von Fahrern, die krankheitshalber nicht mehr Bus fahren können, transparenter und gerechter gestaltet werden. Bei all dem „sollte und müsste“ darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass am Ende nicht Worte und Vorhaben, sondern Taten und Praxis zählen.
Einige der geplanten Veränderungen sind allerdings keineswegs positiv. So soll zum Beispiel ein neues Arbeitsschema (Schichtplan) mit unnötigen Einschränkungen für die Fahrer eingeführt werden. Die Stressanalyse der Busfahrer im Alltag und eine auf die Fahrer zugeschnittene Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz wurden bisher nicht verwirklicht. Die Unklarheiten über die zukünftigen Arbeitsparameter der Diensttouren bestehen weiterhin. Auch eine Diskussion über die Arbeitsbedingungen der Fahrer fand – trotz Zusage – bisher nicht statt. Die Kommunikation lässt weiterhin zu wünschen übrig: Die Anliegen der Fahrer und des betrieblichen Personals werden immer noch nicht gebührend berücksichtigt. Reklamationen der Personalvertreter werden von der Betriebsleitung als hinderlich dargestellt, man versucht ihre Rechte drastisch einzuschränken. Beim Versetzen von Fahrern, die aus Gesundheitsgründen nicht mehr Bus fahren können (‚Valétudinaires‘), bestehen weiterhin Ungleichheiten – das Dienstalter bei der Postenwahl bleibt weitgehend unberücksichtigt. Erst kürzlich wurden Prämien ersatzlos gestrichen, eine erste Etappe zu weiteren Kürzungen für Fahrer im aktiven Fahrdienst. Der Einsatz der Kontrolleure bleibt unklar und ungleich. Beim Unterhalt der Busse gibt es immer noch eine mangelhafte Infrastruktur und auch auf eine Waschanlage wartet man bisher vergeblich.
Neues Arbeitsschema: Verschlechterung gegenüber dem Vorgängermodell
Das neue Arbeitsschema, das die Betriebsleitung mit Unterstützung des Schöffenrates ab 1. Dezember 2010 durchsetzen will, ist zwar besser als andere Versionen, die in den letzten Jahren zur Diskussion standen. Doch gegenüber dem bisherigen Arbeitsschema (das so genannte „3/1/3/1“, einem 8-Tageschema mit 3 Tagen Arbeit, 1 Tag frei, 3 Tagen Arbeit, 1 frei, sowie zusätzlichen verschiedenen freien Tagen am Wochenende) bringt das neue Schema jedoch unnötige Einschränkungen für die Fahrer, insbesondere im Hinblick auf die Möglichkeit des Auswechselns von Schichten. Ein Tag vor, sowie ein Tag nach dem sogenannten „langen Frei“ (obligatorische Ruhepause von 45 Stunden) ist das Wechseln nach dem neuen Schema nur noch bedingt möglich und gestaltet sich schwieriger als zuvor. Die Ursachen für die Abschaffung des bestehenden Arbeitsschemas sind mehr als dürftig: Es wurden mehrere fadenscheinige Gründe aufgeführt, die alle keinen Bestand hatten. Zuerst wurde behauptet, das derzeitige Arbeitsschema sei illegal, was nach genauerer Überprüfung widerlegt wurde. Auch das Argument, das jetzige Schema ergäbe, durch die zusätzlichen freien Montage, eine ungleiche Präsenz über die Woche, konnte durch eine einfache Verschiebung eines freien Tages entkräftet werden. Als nächstes wurde aufgeführt, dass das Personal seit 2008 - also seitdem einige Feiertage in Urlaubstage umgewandelt wurden - nicht mehr über genügend Ruhetage verfüge. Als die Personalvertreter für dieses Problem eine Lösung vorbrachten, wurde dieselbe mit der Begründung abgelehnt, dass so die Anzahl der verfügbaren Fahrer samstags zu hoch sei. Die Lösung entweder samstags mehr Urlaub zu gewähren, oder aber die Subunternehmer an Samstagen geringfügig zurückzufahren, wurde ebenfalls von Betriebsleitung und Schöffenrat abgelehnt.
Vorwand um Vorwand wurde versucht ein neues Arbeitsschema durchzusetzen, das dem Betrieb ungeachtet aller Konsequenzen produktiver erscheint. Das neue Arbeitsschema bringt in der Praxis keine Vorteile - das ist inzwischen jedem klar, ebenso wie die Tatsache, dass es vor allem Nachteile für die Fahrer hat. Dennoch will die Betriebsleitung krampfhaft daran festhalten – sicherlich weil das neue Arbeitsschema Teil einer Strategie ist: Stück für Stück soll mehr „Produktivität“ aus den Busfahrern heraus gepresst werden.
Die teure ProBus-Studie kam zur Schlussfolgerung, dass die Betriebsleitung die Gesundheit und das Wohlbefinden der Busfahrer am Arbeitsplatz nur fördern kann, indem sie ihre Anliegen ernst nimmt und ihre Arbeitsbedingungen verbessert. Wird diese Erkenntnis jetzt ernst genommen, oder in der Praxis einfach ignoriert?
Mangelhafte Umsetzung ruft Personal und Gewerkschaft auf den Plan
Um zu verhindern, dass sich die Arbeitsbedingungen der Busfahrer scheibchenweise verschlechtern, hatte die Personaldelegation in Absprache mit dem Personal, die Betriebsleitung und den Schöffenrat dazu aufgefordert, die Grundpfeiler der Arbeitsbedingungen der Busfahrer anhand von 10 Punkten prinzipiell festzulegen; diese Punkte wurden in der Personalversammlung vom 19. Januar 2010 festgelegt. Trotz ausdrücklicher Zusage des Bürgermeisters ist es bis zum heutigen Tage zu keiner entsprechenden Verhandlung gekommen.
Falls die schleichende Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die Busfahrer fortgesetzt wird und die Anliegen des Personals weiterhin nicht entsprechend berücksichtig werden, wenn es nicht in absehbarer Zeit zu den erwähnten Verhandlungen kommt, wird dies drastische gewerkschaftliche Maßnahmen und Aktionen erfordern. Außerdem dürfen die Rechte der Personalvertreter, die sich im Busbetrieb für ordentliche Arbeitsbedingungen einsetzen, nicht in Frage gestellt werden: Die Arbeit der Personalvertreter, von denen die Probleme ihrer Arbeitskollegen vorgetragen werden, als „dem Betrieb hinderlich“ darzustellen ist eine Unverschämtheit.
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